Ein Leben für die Niederdeutsche Bühne
Emotionaler Abschied von Theaterpaar
Von Nicole Hollatz
Niederdeutsche Bühne feiert 100-jähriges Bestehen und dankt Lisa und Willi Kuß für ihr Lebenswerk
Lisa (87) und Willi Kuß (91): Die beiden standen zusammen jahrzehntelang auf der Wismarer Theaterbühne.FotoS: Nicole Hollatz
„Verdammi, löppt de Tied!“ Der Satz fiel in den vergangenen Wochen und Monaten wohl regelmäßig während der Proben zum plattdeutschen Bühnenjubiläum. 100 Jahre Niederdeutsche Bühne Wismar – wie die Zeit vergeht. Die vier Vorstellungen des Programms waren fast alle ausverkauft. Bei der letzten flossen Tränen: Lisa (87) und Willi Kuß (91), die seit 1957 bzw. 1959 auf der Bühne stehen, wurden voller Dankbarkeit verabschiedet. Obwohl es natürlich kein echter Abschied sein soll und wird. Die beiden bleiben dem Verein, dem Theater und der Sprache sowieso treu.
Tochter Antje Karsten: „Wir sind uns einig, dass Lisa und Willi die Urgesteine, die Seelen und die Gesichter von unserer Bühne sind.“ Ohne die beiden und ihr Engagement würde es die Niederdeutsche Bühne so nicht mehr geben. Lisa Kuß hatte um die 2700 Vorstellungen, ihr Willi circa 2300 – dazu um die 50 Proben pro Stück und zehntausende Stunden für Verwaltung, Organisation und mehr. „Danke, dass ihr dafür sorgt, dass das Platt nicht untergeht, dass ihr immer für neue Stücke gesorgt habt, dass ihr unseren ‚Haufen‘ immer zusammengehalten habt“, sagt Antje Karsten.
„Die beiden sind wie Oma und Opa für mich“, dankt Juliane Wolter (38). Sie hat mit neun Jahren angefangen, bei der Niederdeutschen Bühne mitzuspielen. „Ich bin mit Willi und Lisa aufgewachsen. Wir haben uns ja jede Woche gesehen“, erzählt sie. „Es ist einfach beeindruckend, was sie geleistet und aufgebaut haben“, ergänzt Elke Rohlfs. Die 53-Jährige ist seit 2006 dabei. „Es ist total traurig, dass das Jubiläumsprogramm vorbei ist“, findet sie. Die Proben waren zwar besonders intensiv, aber durch die ganz verschiedenen Rollen in den kurzen Spielstücken besonders abwechslungsreich.
Die 26 Frauen und Männer boten eine bunte Revue aus 100 Jahren mit Musik, Tanz und vielen kleinen Schwänken auf Platt – so bunt wie die vergangenen Jahrzehnte. Lisa Kuß und Antje Karsten, Mutter und Tochter, saßen wie Waldorf und Statler aus der Muppet-Show in einer samtroten Theaterloge auf der linken Bühnenseite und erzählten manch einen Schwank aus der Zeit. Beispielsweise wie sie mit ihrem Sohn Detlev Kuß für seine Rolle in „Denk di doch wat anners ut“ (2014) Hackenschuhe kaufen musste. Die richtig hohen in Größe 42. Einmal ist eine Katze über die Bühne
gelaufen, mitten in der Vorstellung. Die Schauspielerin hat sich nicht aus dem Konzept bringen lassen und meinte, up Platt natürlich, dass ihre Milch doch in der Küche steht.
Immer wieder schön ist auch die Geschichte, wie Lisa und Willi sich kennengelernt haben. Lisa stand seit 1957 auf der Bühne. Ihr Willi hat sie nach einer Vorstellung angesprochen und wollte sie auf ein „Likörchen“ einladen. „Ich trink’ keinen Likör, ich trink’ Klaren! Ich bin Mecklenburger“, hat Lisa geantwortet und ließ damit auch Jahrzehnte später die Gäste im Wismarer Theater laut loslachen. Ihr Enthusiasmus für die Niederdeutsche Bühne hat nicht nur ihn angesteckt.
Es geht natürlich weiter: „Wir haben am Montag mit den Proben für den Adventskaffee begonnen“, wirbt Antje Karsten für die Vorstellungen an den Adventswochenenden im Zeughaus. Eloise Wendt (15) gehört zum Nachwuchs auf der Bühne: „Das Schauspiel macht Spaß.“ Plattdeutsch kannte und konnte sie vor der Niederdeutschen Bühne noch nicht. „Platt ist ein Stück Geschichte und gehört dazu.“
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